
Das Nippon Connection Filmfestival gilt seit jeher als Seismograph für technologische und künstlerische Innovationen im japanischen Animationskino. Bei seiner 26. Ausgabe bot das Festival im Mousonturm Saal die perfekte Kulisse für die Deutschlandpremiere des mit Spannung erwarteten Anime-Langfilms Chao. Die Vorführung im Rahmen der Festivalsektion Nippon Animation wurde zu einem unvergesslichen Event, da der diesjährige Ehrengast des Festivals, die talentierte Schauspielerin Anna Yamada, persönlich im Saal anwesend war. Yamada erhielt im Rahmen des Festivals den renommierten Nippon Rising Star Award. Die Vorführung zeigte eindrucksvoll, wie das Frankfurter Publikum die Brücke zur künstlerischen Elite Tokios schlägt und Kunst im Moment ihres Entstehens feiert.
Hinter Chao steht der Branchenveteran Yasuhiro Aoki, der mit diesem Werk sein lang erwartetes Langfilmdebüt abliefert. Aoki, geboren 1968, prägt die Anime-Industrie bereits seit den späten 1980er Jahren und hat als Animator an unsterblichen Klassikern wie Dragon Ball Z, Sailor Moon, Neon Genesis Evangelion und Mind Game mitgewirkt. Für Chao tat er sich mit dem visionären Studio 4°C zusammen und erschuf eine visuell überwältigende, bunte und verrückte Welt, die beim renommierten Annecy International Animation Film Festival bereits mit dem Jury Award ausgezeichnet wurde. Aoki bricht mit konventionellen Animationsstrukturen und setzt auf eine extreme Liebe zum Detail, die durch die Musik von Takatsugu Muramatsu emotional perfekt ausbalanciert wird.
Das Herzstück des Films ist die stimmliche Performance von Anna Yamada in der Rolle der Meeresprinzessin Chao. Yamada, 2001 in der Präfektur Saitama geboren, feierte 2018 ihr Debüt im Realfilm Liverleaf und entwickelte sich schnell zu einer der wandelbarsten Schauspielerinnen Japans, die mühelos zwischen Arthouse und Blockbustern wechselt. In Chao stellt sie sich einer extremen Herausforderung: Sie verkörpert eine Figur mit zwei völlig unterschiedlichen Realitäten. Zu Beginn taucht Chao als riesiger Fisch in der Welt des Menschen Stephan auf, später transformiert sie sich in eine Meerjungfrau bzw. anthropomorphe Gestalt. Yamada leiht ihr eine Stimme, die die Zerrissenheit zwischen diesen zwei Existenzformen spürbar macht. Neben Yamada glänzen im hochkarätigen Sprechercast auch Oji Suzuka und Kavka Shishido.
Die thematische Sektion Shades of Reality untersucht die fließenden Grenzen zwischen Wahrheit, Inszenierung und Fiktion. Ein Animationsfilm wie Chao treibt diese Prämisse auf die Spitze. Er stellt die Frage: Wie konstruiert man die akustische Realität einer Figur, deren physischer Körper reine Fiktion ist? Im Rahmen des Festival-Film-Talks wurde das detaillierte Transkript der Sprachaufnahmen analysiert, das ein faszinierendes Schlaglicht auf dieses Spannungsfeld wirft. Yamada befand sich während der Produktion in einer paradoxen Situation: Während die visuelle Welt von Chao vor physikalischer Energie, Bewegung und Action strotzt, war die Schauspielerin im Aufnahmestudio an eine absolute physische Starre gebunden.
Um zu verhindern, dass die hochempfindlichen Studiomikrofone das Rascheln von Kleidung oder das Geräusch von Schritten auf dem Boden aufzeichnen, musste Yamada völlig unbeweglich vor dem Stativ verharren. Sie löste diesen Konflikt zwischen der fiktiven Bewegung auf der Leinwand und der realen Starre im Studio durch eine psychologische Transferleistung: Sie probierte die heftigen Körperbewegungen außerhalb des Studios aus, analysierte präzise, wie sich ihre Atemfrequenz und Stimmlage durch die Anstrengung veränderten, merkte sich diesen Zustand und reproduzierte die so manipulierte Stimme statisch vor dem Mikrofon. Dies ist eine meisterhafte Demonstration des Festivalthemas: Eine künstliche Realität wird durch die bewusste, kontrollierte Erinnerung an eine physische Wahrheit erschaffen.
Drei essenzielle Publikumsfragen aus dem Festival-Q&A:
Frage: Wie haben Sie sich der Herausforderung gestellt, die zwei extrem unterschiedlichen Seiten von Chaos Persönlichkeit rein stimmlich auszudrücken?
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- Anna Yamada: Als Chao in ihrer Fischform war, sollte sie einfach nur vollkommen unschuldig, fröhlich und absolut niedlich (kawaii) sein. Das war auch die klare Vorgabe des Produktionsteams. Als sie sich dann in ihre Meerjungfrauen-Form verwandelte, wollte ich ihr eine Stimme geben, die sich deutlich erwachsener anfühlt. Ich habe diese Nuancen in enger Absprache mit dem Team erarbeitet, um die richtige Balance zu finden.
Frage: Sie arbeiten primär als Schauspielerin vor einer realen Kamera im Live-Action-Bereich. Hat diese intensive Erfahrung als Synchronsprecherin Ihren Blick auf Ihren Beruf verändert?
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- Anna Yamada: Ja, es war eine völlig andere und extrem schwierige Erfahrung. Wenn man seinen eigenen Körper im Realfilm bewegt, entstehen Emotionen oft natürlich. Beim Anime hingegen ist man ganz allein auf die Stimme angewiesen; man muss emotionale Höhen und Tiefen sowie Intonationsschwankungen in einem viel größeren, fast überlebensgroßen Maßstab ausdrücken. Das war eine großartige Lektion, die ich definitiv für meine zukünftigen Rollen in Filmen und TV-Dramen nutzen werde.
Frage: Welche Szene war während der gesamten Produktion die schwierigste für Sie und welche hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?
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- Anna Yamada: Um ehrlich zu sein, gab es eigentlich nur schwierige Szenen, jede einzelne war eine immense Herausforderung. Aber wenn ich eine herbeisehnen müsste, die mir am meisten Spaß gemacht hat, dann war es die Gesangsszene in der Mitte des Films. In dem Moment, in dem Chao ihre Meerjungfrauen-Gestalt annimmt, singt sie ein Lied. Mich dieser musikalischen Herausforderung zu stellen, war unglaublich schön.
Elisa Cutullè
Foto: Anna Yamada- Copyright Elisa Cutullè
