
Das südkoreanische Trio Hilgeum bringt traditionelle koreanische Musik (Gugak) in die Gegenwart und schlägt eine faszinierende Brücke zur modernen Klangästhetik. Besetzt ist das Ensemble mit drei Ausnahmemusikerinnen, die eine fundierte, klassische Ausbildung an einer der renommiertesten Musikschulen Koreas genossen haben: Choi Da-min an der grazilen Zither Gayageum, Kim Lora an der kraftvollen Zither Geomungo und An Hye-heon an der lyrischen, zweisaitigen Kniegeige Haegeum. Ihre große Europatournee, die sie durch die Schweiz, Schweden, Österreich und Deutschland führte, ist gerade erfolgreich zu Ende gegangen. Wir hatten das Glück, die drei Künstlerinnen in Berlin kurz vor ihrem gefeierten Auftritt im dortigen Koreanischen Kulturzentrum zu treffen. Im exklusiven Interview gaben Hilgeum tiefe Einblicke in ihre Philosophie, ihre experimentellen Kompositionstechniken und die prägenden Eindrücke ihrer Reise durch Europa.
Das Wort „Hilgeum“ (힐금) wird im Westen oft mit einem „seitlichen Blick“ oder dem Erhaschen eines flüchtigen Eindrucks übersetzt. Wie übersetzt sich dieses visuelle Konzept in Ihre musikalische Identität? Wie viel Synchronisation beruht beim Spielen als Trio auf feinen, stummen Blickkontakten und dem gemeinsamen Atmen statt auf einem starren Zählen?
Hilgeum: Hier müssen wir zunächst ein kleines Missverständnis aufklären: Unser Name leitet sich nicht von dem rein koreanischen Wort für einen „flüchtigen Blick“ ab. Er setzt sich vielmehr aus den Schriftzeichen „Hil“ (힐) für Resonanz bzw. Klang und „Geum“ (금) zusammen, das symbolisch für die Geomungo, stellvertretend aber für alle traditionellen Saiteninstrumente steht. Der Name bedeutet also pure Resonanz der Saiten. Nichtsdestotrotz beschreibt Ihre Frage unsere Arbeitsweise im Trio perfekt: Der Blickkontakt und die mentale Verbindung auf der Bühne sind für uns essenziell. Wir verbleiben während des gesamten Auftritts in ständigem Augenkontakt, um vollkommen im Einklang zu sein. Diese tiefe Verbundenheit ist das Fundament, das das Publikum auch live spüren kann – wir agieren durch geteilten Atem und permanente Interaktion, weit abseits eines rein metronomischen Taktes.
Das Ensemble vereint die Gayageum und die Geomungo – zwei ikonische koreanische Zithern mit völlig unterschiedlicher physischer Beschaffenheit, Klangfarbe und Saitenspannung. Während die Gayageum mit den Fingerkuppen gezupft wird und für ihre fließende Eleganz bekannt ist, wird die Geomungo mit einem Holzstab (Suldae) geschlagen, was eine tiefe, perkussive, fast maskuline Resonanz erzeugt. Wie balancieren und verflechten Sie diese kontrastierenden klanglichen Energien?
Hilgeum: Die beiden Instrumente sehen sich optisch zwar sehr ähnlich, sind aber in ihrer Klangfarbe, Spielweise und ihrem Ausdruck komplett verschieden. Die Gayageum bringt eine sanfte, fließende, oft als feminin wahrgenommene Eleganz ein, während die Geomungo durch das Schlagen mit dem Suldae einen gedämpften, raueren und maskulineren Charakter besitzt. In unseren Kompositionen bauen wir das wie einen echten Dialog auf: Wenn ein Instrument die Hauptmelodie führt, agiert das andere unterstützend, füllt den Raum auf und setzt Akzente, um eine harmonische Einheit zu bilden. Gleichzeitig weigern wir uns aber, die Instrumente fest auf diese klassischen Rollen (feminin/maskulin) zu beschränken. Wir brechen diese Grenzen bewusst auf: Die Gayageum kann in unseren Stücken plötzlich sehr rau, kräftig und maskulin klingen, während wir die mächtige Geomungo in zarte, lyrische Sphären führen. Es gibt bei uns keine starren Rollenzuweisungen.
Ohne Blasinstrumente oder Gesang rückt die Haegeum häufig ins Rampenlicht, um die melodische Lyrik und rohe menschliche Emotionen zu transportieren. Wie nutzen Sie den Bogen, um die Textur der menschlichen Stimme nachzuahmen und die Lücke zwischen zarter Stille und emotionalen Spitzen zu schließen?
Hilgeum: Bei der Haegeum befindet sich der Bogen bauartbedingt fest zwischen den beiden Saiten, und direkt darunter liegt ein kleines Stück Leder. Unter den traditionellen Streichinstrumenten besitzt die Haegeum dadurch den größten baulichen Spielraum und Abstand zwischen dem Lederstück und dem Bogen. Diese einzigartige Konstruktion ermöglicht eine extrem feine, filigrane Tonentstehung und eine enorme mikrotonale Flexibilität. Wir schöpfen alle diese spieltechnischen Möglichkeiten voll aus, um dem Instrument eine beinahe menschliche, hochemotionale Stimme zu verleihen, die sich mühelos von leisem Hauchen bis hin zu dramatischen Ausbrüchen steigern lässt.
Die traditionelle koreanische Musik besitzt eine reiche Geschichte des Sanjo – verstreute, improvisierte Melodien, bei denen Musiker tiefe persönliche Gefühle innerhalb eines rhythmischen Rahmens ausdrücken. Wie navigieren Sie als zeitgenössisches Trio mit festen Eigenkompositionen zwischen präzisen strukturierten Arrangements und der rohen, spontanen Freiheit des traditionellen Saitenspiels?
Hilgeum: Das ist eine wunderbare Frage, über die wir selbst erst intensiver nachdenken müssen. Da wir alle eine streng klassische Ausbildung absolviert haben, haben wir unsere Musik anfangs gar nicht direkt mit Sanjo in Verbindung gebracht. Aber strukturell gibt es tatsächlich eine verblüffende Parallele: Historisch entstand ein Sanjo oft aus einer freien, rohen Improvisation, die sich über Generationen hinweg nach und nach in ihren Formen festigte und so als feste Komposition weitergegeben wurde. Genau so arbeiten wir auch: Wenn wir ein neues Stück gestalten, beginnen wir völlig frei und ungezähmt (rough). Wir improvisieren, nehmen Ideen auf und bauen zunächst nur ein skelettartiges Gerüst. Erst im Laufe des gemeinsamen Prozesses setzen wir immer mehr „Fleisch“ auf dieses musikalische Gerüst, verfeinern die Arrangements und gießen die anfängliche Freiheit in die feste, komplexe Form, die man schließlich auf der Bühne hört.
Ein prägendes Merkmal der traditionellen koreanischen Ästhetik ist Yeobaek (여백) – die Schönheit des weißen Raums oder der bedeutungsvollen Pause. In einem rein akustischen Saitentrio bedeutet eine Pause das physische Abklingen des Klangs in völlige Stille. Haben Sie das Gefühl, diese Pausen vor europäischem Publikum anders gestalten zu müssen, um die Energie im Raum zu halten?
Hilgeum: Interessanterweise nutzen wir in unseren aktuellen Stücken gar nicht übermäßig viele dieser klassischen, extrem ausgedehnten Yeobaek-Pausen. Wenn wir diese Momente der absoluten Stille jedoch bewusst einsetzen, haben wir eine faszinierende Beobachtung gemacht: Das europäische Publikum wird in diesen Momenten keineswegs unruhig, sondern spiegelt uns eine extreme, fast greifbare Konzentration wider. Die Stille wird nicht als „Leere“ wahrgenommen; vielmehr spüren wir, wie die Zuhörer hochfokussiert den Raum und diese Stille mental mitgestalten und gemeinsam mit uns ausfüllen. Es entsteht eine ganz besondere, gemeinsame Energie im Raum.
Ihre Tour führte Sie durch sehr unterschiedliche akustische Umgebungen – von Open-Air-Weltmusikfestivals bis hin zu intimen Räumen wie dem Koreanischen Kulturzentrum in Berlin. Was waren die größten akustischen Herausforderungen oder Überraschungen bei der Projektion Ihrer organischen Saitentexturen?
Hilgeum: Wir betrachten jeden Konzertsaal und jeden Veranstaltungsort nicht einfach nur als Kulisse, sondern als ein eigenständiges, riesiges Instrument, das sich mit unseren dreien verbindet. Jeder Raum verlangt eine völlig neue Anpassung. Wir experimentieren beim Soundcheck intensiv damit, wie wir Frequenzen herausnehmen oder hinzufügen müssen, um den Raum optimal zum Klingen zu bringen. Besonders die intimen Orte, an denen wir sehr nah am Publikum sitzen – wie eben in Berlin –, sind für uns jedes Mal eine wunderschöne und intensive neue Erfahrung, weil der direkte, ungeschminkte Klang der Instrumente die Menschen sofort erreicht.
Viele Ihrer Stücke berühren tief verwurzelte koreanische Gefühlslandschaften – komplexe Emotionen wie Sehnsucht, die kollektive Melancholie „Han“ (한) oder festliche Freude. Wie übersetzen Sie diese feinen kulturellen Nuancen rein instrumental, sodass sie international intuitiv verstanden werden?
Hilgeum: Wenn wir Musik schreiben oder improvisieren, setzen wir uns nicht hin und sagen: „Jetzt komponieren wir etwas über die schwere Last des traditionellen Han“. Unsere Musik ist viel universeller. Wenn man in unser erstes Album reinhört, verarbeiten wir darin ganz allgemeine, zutiefst menschliche Emotionen, die wir im täglichen Leben spüren – wie etwa das Gefühl von persönlicher Unsicherheit, Sehnsucht oder Ängsten. Jeder Mensch auf der Welt, unabhängig von seiner Nationalität, kennt diese emotionalen Zustände. Indem wir unsere eigenen, ehrlichen Gefühle in die Saiten legen, entsteht automatisch eine direkte, intuitive Verbindung und eine emotionale Einheit mit dem Publikum, ganz ohne Worte.
Im Westen wird Zeit oft linear und streng nach Partitur wahrgenommen. Im Gugak ist Zeit zyklisch und atemzentriert. Verändert das tägliche Eintauchen in diese zyklischen Rhythmen Ihre eigene Wahrnehmung von Zeit und Tempo, besonders wenn Sie durch schnelllebige, hochdigitalisierte moderne Städte reisen?
Hilgeum: Wir sind natürlich alle mit der traditionellen, atemzentrierten Rhythmik Koreas aufgewachsen, und diese langatmigen, zyklischen Strukturen bilden das Herzstück unserer Stücke. Gleichzeitig sind wir aber auch Frauen der modernen, heutigen Zeit. Wir leben in hochdigitalisierten, rasanten Welten. Unsere Musik reflektiert daher beides: Man findet in unseren Kompositionen sowohl die traditionelle, meditative Ruhe des Gugak als auch die extrem schnellen, dynamischen Rhythmen des modernen Zeitalters. Es ist eine bewusste und sehr organische Mischung aus Entschleunigung und urbanem Tempo, die sich in unseren Werken perfekt ineinanderfügt.
Sie spielen traditionelle Instrumente, erwecken sie jedoch durch zeitgenössisches Songwriting zu völlig neuem Leben. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen der Wahrung historischer Techniken und der künstlerischen Freiheit, diese Grenzen zu sprengen?
Hilgeum: Wir versuchen bewusst, die Grenzen unserer Instrumente so weit wie möglich auszuloten und auszutesten. Choi Da-min erklärt zum Beispiel für ihre Gayageum: „Ich zupfe die Saiten längst nicht mehr nur klassisch mit den Fingern. Ich schlage sie, nutze verschiedene experimentelle Hilfsmittel oder klemme Papierstreifen zwischen die Saiten, um völlig neue, perkussive Töne oder Bass-Effekte zu erzeugen.“ Das gilt für uns alle drei im Ensemble. Dabei planen wir das nicht theoretisch am Reißbrett und sagen: „Dieses Stück wird jetzt zu 50 % klassisch und zu 50 % modern“. Es ergibt sich rein organisch aus dem Arrangement heraus und basierend auf dem, was der emotionale Ausdruck des Stücks verlangt. Wir nutzen unser gesamtes traditionelles Repertoire, brechen die Regeln aber genau dort auf, wo es notwendig ist, um gesellschaftlichen Themen oder unseren inneren Stimmen in der heutigen Moderne Gehör zu verschaffen.
Auf Ihrer Reise durch Europa treffen Sie auf Menschen mit unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen. Reagieren die internationalen Zuhörer anders auf bestimmte Momente als das Publikum in Korea? Und was hat Ihnen diese Tour über die Universalität der Musik von Hilgeum gezeigt?
Hilgeum: Diese Tournee hat uns auf wunderbare Weise bestätigt, dass Musik absolut keine sprachlichen oder kulturellen Grenzen kennt – sie ist eine universelle Sprache. Es gibt überraschenderweise kaum Unterschiede darin, wie das Publikum in Korea oder in Europa emotional auf unsere Stücke reagiert; die Menschen weinen, lachen und fühlen an exakt denselben Stellen mit. Für uns ist das eine zutiefst bewegende Erfahrung. Man bedenke: Selbst für viele Menschen in Korea sind die experimentellen Klänge, die wir unseren traditionellen Instrumenten entlocken, neuartig. Das europäische Publikum kommt nun oft zum allerersten Mal im Leben überhaupt mit Instrumenten wie der Geomungo oder Haegeum in Berührung. Dass uns die Menschen hier mit einer solchen Offenheit, tiefem Interesse und purer Begeisterung begegnet sind, erfüllt uns mit großer Dankbarkeit. Ein charmanter Unterschied ist uns allerdings aufgefallen: In Europa kommen die Zuschauer nach dem Konzert unglaublich oft direkt zu uns persönlich nach vorne, suchen das Gespräch und geben uns ein extrem detailliertes, tiefgründiges Feedback. Sie erzählen uns mit leuchtenden Augen ganz genau, welche Textur sie berührt hat und welcher Moment was in ihnen ausgelöst hat. Diese persönliche Nähe und Offenheit ist ein wunderschönes Geschenk dieser Tournee gewesen.
Elisa Cutullè
