
Das 26. Nippon Connection Filmfestival in Frankfurt am Main hat sich im Jahr 2026 einmal mehr als das weltweit wichtigste Schaufenster für das japanische Kino außerhalb Japans bewiesen. Mit über 140 Kurz- und Langfilmen verwandelt die Veranstaltung die Festivalzentren Künstler*innenhaus Mousonturm und Produktionshaus NAXOS in pulsierende Knotenpunkte des interkulturellen Dialogs. Inmitten dieser filmischen Großveranstaltung wurde im Mousonturm Saal die Deutschlandpremiere von All Greens präsentiert und vom dort anwesenden Publikum gesichtet. Es ist genau diese einzigartige Festivalatmosphäre, die den Austausch zwischen Filmemachern und Kinogängern fördert und den Werken eine tiefere gesellschaftliche Relevanz verleiht.
Regisseur Takashi Koyama ist kein Unbekannter, wenn es darum geht, etablierte Sehgewohnheiten aufzubrechen. Nach seinem gefeierten Liebesdrama Colorless im Jahr 2019 nutzt er nun mit All Greens (2025) die große Festivalbühne, um frischen Wind in das oft formelhafte Coming-of-Age-Genre zu bringen. Koyama, 1979 in Osaka geboren, blickt auf eine fundierte Karriere als Produktionsassistent bei Pyramid Films und als Regieassistent des Altmeisters Kaizo Hayashi zurück. Diese technische Präzision merkt man dem Film in jeder Sekunde an. Koyama adaptierte hierfür einen Roman von Do Namiki und zeigt einen ausgeprägten rebellischen Geist gegen die zunehmende Subkulturalisierung und Typisierung moderner japanischer Jugendfilme. Er verweigert sich den weichgespülten, kitschigen Piano-Melodien, die das Genre sonst dominieren, und kollaborierte stattdessen mit dem Musiker Zo Zhit (Soshi) von der völlig unkonventionellen Band Dos Monos, um einen treibenden, rohen Hip-Hop- und Rap-Soundtrack zu kreieren, der den Herzschlag der Rebellion perfekt vertont.
Die Besetzung von All Greens gehört zum Besten, was das aktuelle japanische Kino zu bieten hat. In den Hauptrollen agieren Sara Minami (als Hidemi), Natsuki Deguchi (als Milk) und Mizuki Yoshida (als Iwakuma). Minami und Deguchi gehören in Japan zu den populärsten Jungschauspielerinnen ihrer Generation; ihr zeitgleicher Terminkalender war für Koyama ein absoluter Glücksfall. Yoshida wiederum erlangte große Aufmerksamkeit durch ihre Sprechrolle als Kyomoto im wegweisenden Animationsfilm Look Back – eine Performance, die Koyama so beeindruckte, dass er sie unbedingt verpflichten wollte. Die Chemie zwischen den drei Hauptdarstellerinnen ist phänomenal. Sie spielen drei Außenseiterinnen in der sprichwörtlichen „Kleinstadthölle“, die von Sexismus, häuslicher Gewalt und tristen Zukunftsaussichten die Nase gestrichen voll haben. Als sie zufällig an Hanfsamen gelangen, starten sie eine illegale Marihuana-Zucht im schuleigenen Gewächshaus, um das Geld für ihre Flucht zu beschaffen. Die Darstellerinnen balancieren meisterhaft auf dem Grat zwischen jugendlicher Verletzlichkeit und dem absoluten Willen, der Welt den Mittelfinger zu zeigen.
Der diesjährige Themenschwerpunkt des Festivals, Shades of Reality – Between Truth and Fiction, widmet sich der Frage, wie Filme Wirklichkeit konstruieren und manipulieren. All Greens fügt sich perfekt in diesen theoretischen Überbau ein. Der Film behandelt ein hochgradig ernstes soziales Problem: Teenager, die in die Kriminalität abrutschen, um zu überleben. Doch statt eines dunklen, dokumentarischen Dramas wählt Koyama eine humorvolle, fast absurde Tonalität. Im Q&A, das im Rahmen des Festivals stattfand, erklärte der Regisseur diese bewusste Verschiebung der Realitätswahrnehmung: Er wollte die Welt konsequent aus der Augenhöhe der Mädchen zeigen. Sie realisieren zwar, dass gesellschaftliche Missstände existieren, verstehen aber die komplexen Mechanismen der Realität dahinter noch gar nicht.
Auch die Requisiten des Films brechen mit der Realität: Das gezeigte Marihuana war komplett künstlich. Um die Fiktion jedoch täuschend echt wirken zu lassen, zog das Produktionsteam einen Cannabis-Experten des realen japanischen Marihuana-Museums hinzu, der den Anbau detailliert überwachte. Diese bewusste Konstruktion einer „Gegenrealität“ im geschützten Raum der Schule spiegelt das Festivalthema wider: Was ist wahr, was ist inszeniert, und wie nehmen wir als Zuschauer die Realität der Charaktere wahr? Am Ende erschafft Koyama ein Werk, bei dem das Publikum über eigentlich düstere Themen trocken und befreit lachen kann.
Drei essenzielle Publikumsfragen aus dem Festival-Q&A:
Frage: Warum haben Sie sich entschieden, im Drehbuch keine klassische Liebesromanz-Linie für die Mädchen zu verfolgen, obwohl sich viele Gelegenheiten geboten hätten?
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- Takashi Koyama: Um ehrlich zu sein, habe ich darüber während des gesamten Schreibprozesses überhaupt nicht nachgedacht. Es tut mir leid, wenn das eine Erwartungshaltung enttäuscht hat, aber für mich stand die Dynamik ihrer Flucht im Vordergrund.
Frage: Die filmische Realität zeigt den Anbau von Drogen an einer Schule. Wie haben die realen Menschen an Ihrem Drehort auf dieses extrem kontroverse Thema reagiert?
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- Takashi Koyama: Wir haben im Dorf Tokai gefilmt. Bevor wir die erste Szene drehten, gingen wir zu den Bewohnern, um uns höflich vorzustellen und ihnen das Drehbuch zu zeigen. Ich dachte wirklich, sie würden unglaublich wütend auf uns werden. Aber das Gegenteil war der Fall: Alle fingen an zu lachen, hatten ein breites Lächeln im Gesicht und ermutigten uns, das Projekt nach unseren eigenen Vorstellungen durchzuziehen. Sie sind extrem großherzige Menschen.
Frage: Am Ende gibt es eine sehr heftige Szene, in der ein Mann scheinbar verbrennt, aber die Tonalität bleibt komödiantisch. Wie schwer war es im Schnitt, diese Balance der Realitäten zu wahren?
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- Takashi Koyama: Der Schnitt war eine unglaublich harte Arbeit. Wir haben beim Schneiden zahllose verschiedene Versionen ausprobiert, um zu prüfen, welche Nuance die hellere oder stimmigere ist. Mein Ziel war es von Anfang an, eine treibende Erzählweise zu haben, bei der man am Ende trocken und glücklich lachen kann, wenn man aus dem Kino geht. Ob der Mann am Ende tot ist oder lebt – nun, ich denke, er lebt
Elisa Cutullè
Foto: Takashi Koyama- Copyright: Elisa Cutullè
