
Das Nippon Connection Filmfestival hat sich den Ruf erarbeitet, ein Ort zu sein, an dem das Publikum radikalen, aufrüttelnden und kompromisslosen filmischen Visionen begegnet. Die Deutschlandpremiere von Anshul Chauhans neuem Meisterwerk Tiger in der Sektion Nippon Cinema war in dieser Hinsicht ein absoluter Triumph. Der Kinosaal war bis auf den letzten Platz besetzt, als Chauhan gemeinsam mit seinem Team die Bühne betrat. Für den in Indien geborenen und in Tokio lebenden Regisseur war es der erste persönliche Besuch in Frankfurt, nachdem das Festival in früheren Ausgaben bereits seine Filme Kontora und December präsentiert hatte. Die anschließende Sichtung hinterließ ein sichtlich erschüttertes, aber tief beeindrucktes Festivalpublikum, das die seltene Gelegenheit nutzte, im darauffolgenden Q&A tief in die Entstehungsgeschichte des Films einzutauchen.
Anshul Chauhan, geboren 1986, hat einen faszinierenden Karriereweg hinter sich: Nach einem Kunststudium arbeitete er zunächst als klassischer Animationskünstler und CGI-Animator in Indien und Tokio (unter anderem an Tron: Uprising und Gantz: O), bevor er 2016 seine eigene Produktionsfirma Kowatanda Films gründete, um Spielfilme zu realisieren. Diese visuelle Ausbildung spiegelt sich in Tiger wider, allerdings in einer völlig unerwarteten Form. Gemeinsam mit seinem Kameramann Vinod Vijayasankaran, der hier sein fulminantes Debüt als DP bei einem Langfilm feierte, setzt Chauhan auf intime, schmerzhaft ehrliche und schonungslose Bildeinstellungen. Chauhan schneidet seine Filme selbst und weiß daher schon beim Drehen exakt, welchen emotionalen Sekundenbruchteil er einfangen muss; er verzichtet weitgehend auf das klassische Korsett eines Drehbuchs und vertraut ganz auf die Authentizität des Moments.
Die schauspielerische Leistung in Tiger grenzt an eine Naturgewalt. In der Hauptrolle brilliert Takashi Kawaguchi, ein enger Freund Chauhans, der bereits in dessen Debütfilm mitwirkte. Kawaguchi spielt Taiga, einen schwulen Mann Mitte 30, der sich im Tokioter Nachtleben von Shinjuku als Masseur und Sexarbeiter verdingt. Als er erfährt, dass sein Vater unheilbar erkrankt ist, bricht seine mühsam aufgebaute Realität zusammen. Es entbrennt ein erbitterter, von tiefem Hass und materieller Gier getriebener Erbschaftsstreit mit seiner Schwester (großartig gespielt von Maho Nonami). Chauhan verweigert dem Publikum jegliche einfache moralische Einordnung oder Schuldzuweisung. Neben etablierten Darstellern wie Yuya Endo besetzte der Regisseur den Film mit echten Menschen aus der Sexindustrie, die noch nie zuvor vor einer Kamera standen. Ein absoluter Besetzungscoup ist zudem die kleine Kaya (gesprochen von Sakurako): Die dreieinhalbjährige Kinderschauspielerin liefert eine so professionelle und markerschütternde Performance ab, dass sie das Publikum im Saal zu Tränen rührte.
Im Rahmen des Festivalthemas Shades of Reality agiert Tiger wie ein Skalpell, das die Trennlinie zwischen dokumentarischer Wahrheit und filmischer Fiktion seziert. Der Film basiert vollständig auf den realen Lebensgeschichten von Chauhans engen Freunden aus der LGBTQ+-Community in Tokio. Um die soziale Realität so authentisch wie möglich abzubilden, schreckte das Produktionsteam vor radikalen Methoden nicht zurück. Im Zentrum des Films steht eine reale Institution des modernen Japans: die sogenannten „Friendship Marriage“-Agenturen (Freundschaftsehen), die während der COVID-Pandemie entstanden, um homosexuellen Menschen die Möglichkeit zu geben, eine Scheinehe einzugehen und Kinder zu bekommen.
Chauhan enthüllte im Q&A, dass er und seine Schauspieler sich tarnten, sich real bei der echten Agentur Colors bewarben und die Beratungsgespräche heimlich per Audio aufzeichneten. Die im Film gezeigten sechs exakten Klassifizierungstypen für diese Ehen basieren eins zu eins auf diesen realen Dokumenten. Auch der Ausbruch von Syphilis im Amüsierviertel Shinjuku, der im Film eine dramatische Rolle spielt, spiegelt die reale medizinische Krise der letzten zwei Jahre in Tokio wider. Selbst der Drehort bricht mit der Fiktion: Chauhans Team reiste in die reale Heimatstadt des Schauspielers Takashi Kawaguchi und drehte die bewegenden Szenen im echten Haus von dessen Großvater. Tiger konstruiert keine künstliche Fiktion; der Film saugt die ungefilterte, schmerzhafte Realität der Straße auf und transformiert sie in ein hochemotionales Kunstwerk, das die Zuschauer auf der Nippon Connection tief in ihren eigenen moralischen Gewissheiten erschüttert hat.
Drei essenzielle Publikumsfragen aus dem Festival-Q&A:
Frage: Die Leistung der kleinen Schauspielerin Kaya war schockierend gut und intensiv. Wie war es, mit einem so jungen Kind an einem so düsteren Set zu arbeiten?
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- Anshul Chauhan: Kaya war zum Zeitpunkt des Drehs fast dreieinhalb Jahre alt; sie war die einzige Rolle, für die wir ein klassisches Casting durchgeführt haben. Ich konnte sie nach dem ersten Treffen einfach nicht vergessen. Sie war unfassbar professionell, was vermutlich an ihrer Mutter lag. Am Tag vor dem Dreh verlangte sie ernsthaft nach dem Drehbuch. In der Szene, in der sie so bitterlich weinen muss, hat sie den ganzen Tag über freiwillig nichts gegessen, nur um sich in den Zustand zu versetzen. Sie wird definitiv ein riesiger Star.
Frage: Sie zeigen sehr intime Szenen, viel Nacktheit und explizite sexuelle Interaktionen. Wie lief der Casting-Prozess für diese hochkomplexen Rollen ab?
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- Anshul Chauhan: Da ich meine Schauspieler seit sieben oder acht Jahren kenne, half diese tiefe Freundschaft enorm, um Vertrauen aufzubauen. Um die Bindung vor dem Dreh zu stärken, sind wir gemeinsam in Parks gegangen, haben Workouts gemacht und Zeit miteinander verbracht. Für die Rolle des Renky hatte ich eigentlich ein ganz anderes Bild im Kopf. Der erste Schauspieler lehnte ab, weil er keine Sexszenen drehen wollte. Dann traf ich Kotani K. – er hat meine gesamte Vorstellung über den Haufen geworfen, und ich habe die Rolle komplett für ihn umgeschrieben. Die Authentizität entsteht auch dadurch, dass wir echte Leute aus der Sexindustrie mit Profis gemischt haben.
Frage: Gab es bereits Reaktionen aus Japan auf diesen sehr ungeschönten Film, und mussten Sie Zensuraußenstellen passieren?
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- Anshul Chauhan: Wir haben den Film in Japan noch nicht öffentlich veröffentlicht, sondern bisher nur private Screenings für die LGBTQ+-Community, die uns geholfen hat, und für die Crew veranstaltet. Wir haben den Film beim japanischen Rating-System Eirin eingereicht. Die Prüfer verlangten von mir: „Schneid dies heraus, schneid das heraus!“ Aber ich habe mich strikt geweigert und absolut keine Änderungen oder Schnitte am Film vorgenommen. Im September 2026 wollen wir ihn regulär in Japan in die Kinos bringen, und ich bin sehr gespannt, wie die breite Masse reagieren wird.
Elisa Cutullè
