Nach dem Erfolg beim The A Festival: Sunny über musikalische Grenzgänge, Klassik-Remakes und Michael Jackson

SUNNY LUKAS (C) SUNNY LUKAS

 

Nach seinem umjubelten Auftritt beim The A Festival in Paris hatten wir die Gelegenheit, Sunny direkt vor Ort zu treffen und ihm im persönlichen Gespräch noch einige spannende Details zu entlocken. Im Interview spricht der vielseitige Künstler darüber, was der Begriff „Heimat“ für ihn als weltweiten Nomaden bedeutet, mit welcher Musiklegende er zu gerne zusammengearbeitet hätte und wie er eine klassische Komposition von Claude Debussy in einen modernen Latin-R&B-Track verwandeln würde.

 

Da du in Asien, den USA und Europa gelebt und gearbeitet hast: Heimat wird weniger zu einem einzelnen Ort, sondern vielmehr zu den Räumen, in denen Kulturen aufeinandertreffen. Wo oder was ist für dich heute „Heimat“ und wie beeinflusst dieses flexible Zugehörigkeitsgefühl deine künstlerische Identität?

 

Das ist tatsächlich etwas, worüber ich viel nachgedacht habe, besonders bei all den Reisen im Laufe meiner Karriere.

Ich bin in Hongkong geboren und aufgewachsen, habe an der Berklee-Musikhochschule in den USA studiert und lebe derzeit in Seoul. Gleichzeitig habe ich so viel Zeit meines Lebens damit verbracht, in verschiedenen Teilen der Welt zu reisen, aufzutreten und Musik zu machen, dass sich meine Definition von Heimat ganz natürlich verändert hat.

Hongkong wird immer meine Wurzel bleiben, aber ich habe erkannt, dass Heimat nicht mehr zwangsläufig ein einziger physischer Ort ist. Es ist ein Gefühl. Es bedeutet, von Menschen umgeben zu sein, die ich liebe, in einem kreativen Umfeld zu sein oder sogar in einem Land auf der Bühne zu stehen, das ich noch nie zuvor besucht habe, und zu hören, wie die Menschen meine Songs mitsingen.

Ich glaube, diese Freiheit ist zu einem großen Teil meiner künstlerischen Identität geworden. Ich habe nicht das Gefühl, mich in einen bestimmten Markt, eine Sprache oder ein Genre zwängen zu müssen. Ich kann von überall her Inspiration schöpfen und trotzdem Musik machen, die sich authentisch nach mir anfühlt.

In gewisser Weise ist die Musik selbst zu meiner Heimat geworden. Sie ist das Einzige, das konstant bleibt, egal wo auf der Welt ich mich befinde.

 

 

Wenn du einen Track für eine historische Musikikone oder eine verstorbene Legende (wie Michael Jackson oder Prince) produzieren könntest, wie würdest du eure Stile miteinander verbinden?

Ich würde mich definitiv für Michael Jackson entscheiden. Er ist einer dieser seltenen Künstler, deren Musik Generationen, Kulturen und Sprachen überschreitet – und das habe ich schon immer bewundert.

Was ich an Michael so unglaublich finde, ist, dass seine Musik sowohl extrem anspruchsvoll als auch universell zugänglich war. Die Melodien waren zeitlos, die Grooves mitreißend und jedes noch so kleine Detail in der Produktion hatte seinen Zweck.

Wenn ich die Möglichkeit hätte, für ihn zu produzieren, würde ich diese klassische, von Quincy Jones inspirierte Musikalität liebend gern mit einem moderneren R&B- und Hip-Hop-Sound kombinieren. Ich würde wahrscheinlich mit einem richtig starken Bass-Groove, Live-Instrumentierung und Funk-inspirierten Gitarren beginnen.

 

 

Wenn du eine klassische Klavierkomposition nehmen und sie in einen R&B-Track mit Latin-Einflüssen verwandeln würdest: Welches klassische Stück würdest du neu interpretieren?

Ich würde mich wahrscheinlich für Claude Debussys „Clair de Lune“ entscheiden. Ich habe es schon immer geliebt, wie ausdrucksstark und atmosphärisch dieses Stück ist. Die Harmonien haben etwas wirklich Zeitloses und ich denke, es ließe sich wunderbar in ein modernes R&B-Arrangement übertragen.

Ich würde die wiedererkennbaren Klaviermelodien beibehalten, aber den Rhythmus mit Latin-inspirierter Perkussion, einer geschmeidigen R&B-Basslinie und einigen jazzigen Akkorderweiterungen neu interpretieren. Außerdem würde ich mit Gesangsharmonien und subtilen elektronischen Texturen experimentieren, um dem Ganzen ein zeitgemäßeres Feeling zu verleihen.

Da ich Musikproduktion und Songwriting in Berklee studiert habe, war ich schon immer davon fasziniert, wie verschiedene Genres einander ergänzen können. Ich denke, klassische Musik und R&B teilen viele Gemeinsamkeiten, was Harmonien und emotionalen Ausdruck angeht.

Mein Ziel wäre es dabei nicht, einfach einen Latin-Beat über eine klassische Komposition zu legen. Es ginge darum, die Emotion des Originalstücks aufzugreifen und ihr eine völlig neue Identität zu verleihen – etwas, das sich gleichzeitig nostalgisch und frisch anfühlt.

 

Elisa Cutullè

 

Foto: (C) Sunny Lukas

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