
Am 3. und 4. Juli 2026 schlug für das legendäre Castle Rock Festival das letzte Kapitel auf. Seit den Anfängen im Jahr 2000 prägte das Event unter der Federführung von Gründer und Organisator Michael Bohnes die deutsche Gothic- und Metal-Szene entscheidend mit. Über die Jahre hinweg verwandelte sich der historische Innenhof von Schloss Broich in Mülheim an der Ruhr regelmäßig in eine stimmungsvolle Kulisse für düstere Klänge. Renommierte Szene-Größen wie Subway to Sally, Mono Inc., Eisbrecher oder Saltatio Mortis gaben sich hier im Laufe der Jahrzehnte bereits die Klinke in die Hand. Das unverkennbare Markenzeichen war dabei stets die außergewöhnlich familiäre und herzliche Atmosphäre, die das Festival weit über die regionalen Grenzen hinaus bekannt machte.
Zum großen Abschied präsentierte sich der Schlosshof noch einmal komplett ausverkauft. Ein monumentales und emotionales Line-up führte die schwarze Szene durch das unvergessliche Final Chapter: Lord Of The Lost (als krönender Headliner), Nachtblut, Tanzwut, Crematory, All For Metal, Sagenbringer, Haggefugg, The Other, Heimataerde, Wisborg, Snow White Blood, Eigensinn sowie Die Legende von Nord setzten dem Kult-Festival ein würdiges Denkmal.
Wir hatten am finalen Wochenende die Gelegenheit, ein letztes, sehr persönliches Gespräch mit Michael Bohnes zu führen. Ein Interview über wehmütige Gefühle, den Mut zum Aufhören, unvergessene Meilensteine und den tiefen Dank an sein Team.
Michael, nach 26 Jahren und 24 Ausgaben geht eine Ära auf Schloss Broich zu Ende. Mit welchen Gefühlen blickst du an diesem finalen Festivalwochenende auf den Innenhof und die treue Fangemeinde?
Grundsätzlich bin ich mit der Entscheidung, dass das Castle Rock zu Ende geht, absolut im Reinen. Ich bin der Auffassung, dass alles auch wirklich mal ein Ende haben darf und ein würdevoller Abschied dem Festival guttut. Wenn ich zurückblicke, kann ich sagen, dass mich diese ganze Arbeit unglaubliche bereichert hat. Ich habe unheimlich tolle Leute und eine großartige Community kennengelernt. Es war ein absoluter Glücksfall für mich, dass ich damals beim Kulturbetrieb der Stadt Mülheim angefangen habe. So konnte ich ein Stück weit meinen Beruf mit meinem Hobby verbinden – und dafür bin ich sehr dankbar.
Du hast angekündigt, dass wirtschaftliche Hürden, aber vor allem dein wohlverdienter Ruhestand und eine fehlende Nachfolge zum Ende führen. Ist „Castle Rock“ untrennbar mit deinem Namen verknüpft?
Natürlich macht man sich im Vorfeld über mögliche Nachfolger Gedanken. Ich habe das Thema auch in meinem Veranstaltungsteam besprochen, und die Jungs und Mädels hätten das sicherlich alle gut und organisiert hinbekommen. Aber man hat dort verständlicherweise das wirtschaftliche Risiko gescheut. Als langjährige Rockmusik-Fans, die in der Szene ganz gut vernetzt sind, kann ich diese Vorsicht auch vollkommen nachvollziehen.
Zum diesjährigen Line-up: Für das „Final Chapter“ hast du noch einmal hochkarätige Szene-Größen wie Lord Of The Lost, Nachtblut und Tanzwut nach Mülheim geholt. Gab es eine bestimmte Band, die du für diesen Abschied unbedingt noch einmal gewinnen wolltest?
Ja, der absolute Traum – und das ist wirklich das Grandioseste, was ich mir für den Abschied vorstellen konnte – war es, Lord Of The Lost einzuladen. Die Band ist eng mit unserer Festivalhistorie verknüpft: Sie standen 2011 das erste Mal bei uns auf der Bühne und haben danach noch drei oder vier Mal hier gespielt. Ich bin sehr stolz darauf und freue mich riesig, dass sie meine Einladung für das Finale angenommen haben.
Wenn du die gesamte Geschichte des Festivals Revue passieren lässt – von den Anfängen im Jahr 2000 über die Zwangspausen bis heute: Welcher Moment oder welcher Auftritt hat dich persönlich am tiefsten berührt?
Du, das kann ich pauschal gar nicht beantworten. Ich habe von Anfang an grundsätzlich immer nur Bands eingeladen, die mir auch persönlich gefallen. Genau deshalb war ich letztendlich von jeder einzelnen Band begeistert, die jemals bei uns auf der Bühne stand. Eine Pauschalantwort auf den einen, tiefsten Moment ist mir daher gar nicht möglich.
Die familiäre Atmosphäre im Schlosshof galt immer als das Markenzeichen des Castle Rock. Was, glaubst du, wird der deutschen Gothic- und Metal-Szene ohne dieses jährliche Treffen in Mülheim am meisten fehlen?
Ich glaube, es ist eine allgemeine Entwicklung. Diese familiäre und schöne Atmosphäre, die wir hier bieten, ist über eine sehr lange Zeit organisch gewachsen und wir haben unheimlich viele treue Stammgäste. Allerdings verändert sich das Musikgeschäft im Moment spürbar. Es wird heutzutage viel über das Sterben der kleinen Festivals gesprochen, aber man vergisst dabei oft, dass es die großen Festivals ohne die kleinen als Basis gar nicht gäbe. Auch das ist wohl der Lauf der Zeit, da die gesamte Festivallandschaft immer kostenintensiver wird. Möglicherweise findet in der Branche aber irgendwann wieder ein Umdenken statt.
Seit der Ankündigung des Festival-Endes im Februar wurden dir sicherlich unzählige Fragen gestellt. Welche Frage zu deinem Abschied kannst du eigentlich absolut nicht mehr hören – und welche wurde dir stattdessen noch überhaupt nicht gestellt?
Die Frage, warum es keinen Nachfolger gibt, kann ich wirklich nicht mehr hören. Man muss einfach sehen, dass es sich hier um eine städtische Veranstaltung handelt. Ich bin seit 46 Jahren bei der Stadt Mülheim beschäftigt und es gibt in der Struktur aktuell kein Profil, das meinem entspricht und das Festival so weiterführen könnte. Damit erübrigt sich das Thema Nachfolge von selbst. Die typische Schlussfrage dreht sich dann meistens darum, wie es mir mit dem Abschied geht. Ich kann nur sagen: Ich bin fein damit, dass nun das Ende gekommen ist. Natürlich ist das emotional und es berührt mich als Person sehr, aber ich habe meinen Frieden mit der Entscheidung geschlossen. Es war ein langer Entwicklungsprozess, der schon zu Corona-Zeiten begann und nun durch den regulären Ruhestand besiegelt wird.
Wenn du dieses Interview nutzen könntest, um das endgültige Narrativ, also die bleibende Erinnerung an das Castle Rock, selbst zu bestimmen: Welches Missverständnis über das Festival oder deine Arbeit würdest du heute gerne ein für alle Mal aufklären?
Es ist kein direktes Missverständnis, aber ich persönlich hätte mir über die Jahre hinweg manchmal ein bisschen mehr Anerkennung vonseiten der Stadt gewünscht. Nicht, weil ich zwingend darauf angewiesen wäre, aber es wäre für das gesamte Projekt einfach schön gewesen.
Wir sprechen heute sehr viel über Zahlen, Bands und Meilensteine. Spürst du beim Beantworten dieser Fragen eher die Last der Organisation der letzten 26 Jahre, oder überwiegt im Moment des Erzählens die reine Dankbarkeit an dein Team?
In diesem Moment ist es mir einfach ein unfassbares Bedürfnis, Danke zu sagen. Wenn ich den Applaus der Fans höre, geht mir das Herz auf – das ist einfach toll. Ich habe mein Veranstaltungsteam nicht ohne Grund für den Abschied mit auf die Bühne geholt. Ich möchte jeden Einzelnen von ihnen dem Publikum vorstellen, denn das sind die Menschen, die das Castle Rock über all die Jahre hinweg wirklich im Herzen mitgetragen haben. Wir sind wahrscheinlich das älteste Veranstaltungsteam der Welt, immerhin haben wir vor 26 Jahren gemeinsam damit angefangen. Ich verneige mich in tiefer Dankbarkeit vor dieser Leistung.
Wenn wir dieses Gespräch in fünf Jahren noch einmal führen würden, was würdest du erzählen?
Hoffentlich eine gute Geschichte darüber, wie aktiv und glücklich ich meinen Ruhestand genieße. Und wer weiß – vielleicht treffen wir uns ja in fünf Jahren einfach irgendwo in der Nachbarschaft auf einem Konzert wieder.
Elisa Cutullè
