Alte Meister treffen Popkultur: Paul Morrison bricht Sehgewohnheiten im Saarlandmuseum

Das Gemälde „Johan Bouman, Stillleben mit Früchten, 1653_klein.jpg“ zeigt ein klassisches, barockes Stillleben, das vor einem tiefdunklen, fast schwarzen Hintergrund arrangiert ist. Die Komposition ist auf einer Tischkante aufgebaut, die mit einem schweren, olivgrünen Tuch bedeckt ist, das im vorderen Bereich in feinen Falten herabhängt.Folgende Elemente prägen das Bild:

Das Prunkglas (Römer): Auf der rechten Seite dominiert ein großes, schweres Weinglas (ein sogenannter Römer) aus dunklem, grünlichem Glas. Es ist teilweise mit einer dunklen Flüssigkeit gefüllt. Der Fuß des Glases ist mit den typischen, Noppen verziert, die im spärlichen Licht schimmern.

Die Porzellanschale: Auf der linken Seite steht eine flache, chinesische Porzellanschale (vermutlich Kraak-Porzellan) mit einer blau-weißen Innen- und Außenverzierung. Sie ist bis zum Rand mit einer Vielzahl kleiner, roter Früchte gefüllt – erkennbar sind vor allem glänzende Johannisbeeren, Kirschen und Erdbeeren.

Die Zitrone im Vordergrund: Nahezu im Zentrum, an der vorderen Tischkante, liegt eine angeschnittene Zitrone. Ihre Schale ist spiralförmig in einem langen Streifen abgeschält und hängt plastisch über die Tischkante nach unten. Das helle Gelb der Frucht und das Weiß der Innenschale bilden den hellsten Lichtpunkt (Chiaroscuro-Effekt) im gesamten Bild.

Weitere Früchte auf dem Tisch:

Rechts neben der Zitrone liegen zwei reife, samtig wirkende Pfirsiche oder Aprikosen in warmen Gelb-Orange-Tönen.

Links im Vordergrund liegen drei lose Kirschen mit ihren feinen Stielen auf dem Tischtuch, eine weitere einzelne Kirsche liegt isoliert etwas weiter rechts.

Hinter den Pfirsichen und um den Fuß des Glases herum sind zusätzliche Zweige mit roten Johannisbeeren und dunklen Weinblättern drapiert.

Licht und Atmosphäre:
Die gesamte Szene wird von einer gezielten, dramatischen Lichtquelle von links oben erhellt. Während die Texturen der Früchte, das Spiegeln des Glases und die Poren der Zitronenschale extrem detailgetreu ausgearbeitet sind, versinkt der Raum dahinter in absoluter Dunkelheit, was dem Stillleben eine intime, ruhige und zugleich melancholische (Vanitas-)Atmosphäre verleiht.

Oel/Holz, 70,9 x 57,4 cm
NI 3223
Dauerleihgabe der SaarLB

Seit der frühen Neuzeit gilt die europäische Landschaftsmalerei als Versuch, die Natur als geordneten, harmonischen Raum abzubilden. Doch wie blickt die Gegenwart auf diese Tradition? Das Saarlandmuseum widmet sich dieser Frage mit einem außergewöhnlichen Ausstellungskonzept. Insgesamt 41 Exponate – darunter 22 Arbeiten von Paul Morrison – verwandeln die Museumsräume in ein Spannungsfeld zwischen Gestern und Heute.

Bildwelten aus Schwarz-Weiß und Gold

Der 1966 in Liverpool geborene Paul Morrison gehört zu den prägendsten Stimmen der zeitgenössischen britischen Malerei. International bekannt wurde er durch seine oft monumentalen, grafisch präzisen Pflanzen- und Landschaftsdarstellungen. Morrisons Methode ist eine visuelle Spurensuche: Er kombiniert Motive unterschiedlichster Epochen. Botanische Illustrationen und historische Druckgrafiken treffen in seinen Arbeiten auf die Bildsprache der Popkultur.

Durch extreme Skalierungen, Fragmentierungen und den radikalen Verzicht auf Farbe bricht er traditionelle Raumvorstellungen konsequent auf. Während historische Gemälde wie Philipp Hackerts „Castell am See mit Brücke und Staffage“ (um 1804) dem Auge eine tiefe, harmonische Orientierung bieten , verstellen Morrisons verschachtelte Linienstrukturen den gewohnten Blick. Es entstehen collagenartige Landschaften, die der Vorstellungskraft des Betrachters völlig neue Räume eröffnen. Neben seiner charakteristischen Schwarz-Weiß-Ästhetik bereichern in jüngster Zeit auch Akzente aus 24-Karat-Blattgold und Palladium die Ausstellung.

Kunst zum Mitmachen und Erleben

„Mit Paul Morrison haben wir einen international agierenden Künstler in die Alte Sammlung eingeladen, dessen Arbeiten unseren Blick auf Landschaft, Pflanzen und Raum verändern“, erklärt Lisa Felicitas Mattheis, kunst- und kulturwissenschaftliche Vorständin der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. Besonders wichtig ist ihr dabei der interaktive Ansatz: „Die Ausstellung lädt nicht nur zum Betrachten ein, sondern mit den Mitmachstationen auch dazu, selbst kreativ zu werden.“

Direkt in den Ausstellungsräumen können Besucher an zwei Stationen selbst aktiv experimentieren. Ein Leuchttisch lädt dazu ein, eigene Pflanzen-Collagen zu entwerfen und spielerisch mit Maßstäben und Perspektiven zu experimentieren. An einer weiteren Station kann ein klassisches Blumen-Stillleben arrangiert und an Zeichenhockern direkt auf Papier festgehalten werden – inspiriert von den Alten Meistern wie dem ebenfalls ausgestellten Stillleben von Johan Bouman aus dem Jahr 1653.

Einblick in das Begleitprogramm

Die Ausstellung wird von einem vielseitigen Vermittlungsprogramm flankiert:

  • Öffentliche Führungen: Finden ab dem 14. Juni 2026 zweiwöchentlich sonntags um 16:00 Uhr statt.
  • Kuratorenführungen: David Grube-Palzer führt Interessierte an ausgewählten Mittwochen (03.06., 08.07. und 12.08.) jeweils um 16:00 Uhr durch die Räume.
  • Kreativ-Workshops: Unter dem Titel „Zarte Blumen, starke Linien – Zeichnen im Museum“ wird am 23. September und 28. Oktober (jeweils 15:30 bis 18:00 Uhr) ein Zeichenworkshop für Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahren angeboten. (Kosten: 15 €, eine Anmeldung unter service@saarlandmuseum.de ist erforderlich) .

Ausstellung auf einen Blick

  • Titel: Alte Sammlung Reloaded. Paul Morrison zu Besuch
  • Laufzeit: 30. Mai 2026 bis 31. Januar 2027
  • Ort: Saarlandmuseum – Alte Sammlung
  • Informationen & Anmeldung: www.kulturbesitz.de | Tel. +49 (0)681.9964-234

 

Elisa Cutullè

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