
Das 26. Nippon Connection Filmfestival versteht sich nicht nur als Ort der filmischen Avantgarde, sondern auch als Chronist tiefgreifender menschlicher Dramen im zeitgenössischen japanischen Kino. In der renommierten Sektion Nippon Cinema feierte das herausragend besetzte Beziehungsdrama A Moon in the Ordinary (Hiraba no tsuki) seine internationale Premiere. Für die Festivalbesucher, die den Film im Mousonturm Saal sahen, wurde die Vorführung zu einer emotionalen Reise. Filme dieser Sektion konkurrieren um den begehrten, vom Bankhaus Metzler gestifteten Publikumspreis Nippon Cinema Award – und Doi schuf mit seinem Werk einen heißen Anwärter, der die Kinogänger tief bewegt in die Frankfurter Nacht entließ.
Regie bei diesem intensiven Werk führte kein Geringerer als Nobuhiro Doi. Der 1964 in Hiroshima geborene Filmemacher gehört zu den profiliertesten Regisseuren des japanischen Kinos und Fernsehens. Nach seinem Studium an der Waseda University startete er 1995 seine Karriere und feierte 2004 mit dem sensationellen Drama Be With You sein Kinodebüt. Doi besitzt ein außergewöhnliches Gespür für die Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen, was er dem Festivalpublikum bereits in der Vergangenheit mit Meisterwerken wie Nada Sou Sou, Flying Colors und We Made a Beautiful Bouquet unter Beweis gestellt hat. Doi zeichnet sich dadurch aus, dass er komplexe emotionale Ausnahmesituationen mit einer entwaffnenden, unaufgeregten Alltäglichkeit inszeniert, die jeglichen Hollywood-Kitsch im Keim erstickt.
Für A Moon in the Ordinary konnte Doi auf zwei absolute Ikonen der japanischen Schauspielkunst zurückgreifen: Masato Sakai (in der Rolle des Kensho) und Haruka Igawa (als Yoko). Sakai, in Japan ein Superstar, verleiht dem geschiedenen Kensho eine berührende, leicht linkische Melancholie. Als Kensho nach einer medizinischen Routineuntersuchung im Krankenhaus zufällig seiner großen Jugendliebe Yoko begegnet, prallen zwei gelebte Leben aufeinander. Yoko, die mit Anfang 50 wieder in die Großstadt gezogen ist, reagiert anfangs alles andere als begeistert auf das Wiedersehen mit ihrem ehemaligen Verehrer. Igawa spielt diese Distanz mit einer faszinierenden, stolzen Zurückhaltung. Doch trotz aller Startschwierigkeiten finden die beiden reifen Menschen wieder zueinander – getragen von den gemeinsamen Erinnerungen und der ungesagten Sehnsucht nach Nähe. Das Drehbuch von Kosuke Mukai, basierend auf dem Roman von Kasumi Asakura, gibt den Darstellern den Raum, diese Annäherung in feinsten mimischen Nuancen spürbar zu machen.
Im Kontext des Themenschwerpunkts Shades of Reality blickt A Moon in the Ordinary hinter die Fassade der vermeintlich banalen, „gewöhnlichen“ Realität. Der Film wirft die Frage auf: Wie verändert sich unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit, wenn das Schicksal erbarmungslos zuschlägt? Die aufblühende späte Liebe zwischen Kensho und Yoko wird auf eine existentielle Probe gestellt, als eine unerwartete medizinische Diagnose die Realität der beiden erschüttert: Yoko leidet an Darmkrebs.
Anstatt diese Wendung für ein künstlich aufgebauschtes Tränendrama zu nutzen, bleibt Doi radikal auf der Ebene des Alltäglichen. Er zeigt die ungeschönte Wahrheit des Krankheitsalltags – die Arztgespräche, die Ängste, die physische Schwäche –, bettet sie jedoch in Momente tiefer Zärtlichkeit und unerwarteten Humors ein. Hier verschmelzen Wahrheit und Fiktion zu einer emotionalen Realität, die den Zuschauer direkt anspricht. Der Kern der filmischen Aussage ist von einer universellen philosophischen Tiefe: Der Film plädiert leidenschaftlich dafür, keine Chance im Leben ungenutzt verstreichen zu lassen. Er fordert uns auf, das Leben und die Liebe genau so anzunehmen, wie sie kommen, mit all ihren unvollkommenen, schmerzhaften Facetten. Die Realität mag grausam sein, aber die Entscheidung, wie wir ihr begegnen, liegt in unseren Händen. Ein filmisches Juwel, das perfekt die Intention des Festivals widerspiegelt, gesellschaftlich relevante Themen künstlerisch anspruchsvoll zu verarbeiten.
Elisa Cutullè
