„Meine ganze Seele für Puccini“ – Oreste Cosimo als Cavaradossi in Saarbrücken

Oreste Cosimo- Tosca- Foto Astrid Karger

Mit seinem Debüt als Mario Cavaradossi am Saarländisches Staatstheater betritt Oreste Cosimo nicht nur eine neue Partie, sondern auch eine entscheidende Phase seiner künstlerischen Entwicklung. Der italienische Tenor, der sich in den vergangenen Jahren mit lyrischen Rollen im italienischen Fach einen Namen gemacht hat, befindet sich heute in einer reifen Etappe seiner Karriere – geprägt von technischer Sicherheit, interpretatorischer Tiefe und wachsender dramatischer Ausdruckskraft.

In Tosca von Giacomo Puccini findet Cosimo eine Rolle, die ihm erlaubt, Stimme und Persönlichkeit vollständig zu entfalten. Im Gespräch mit ViviSaar spricht er über künstlerische Freiheit, gewonnene Reife, die emotionale Wucht von Puccinis Musik und darüber, warum Cavaradossi für ihn mehr ist als ein Debüt – nämlich eine Brücke in seine künftige, stärker dramatisch geprägte Repertoireentwicklung. Dabei geht es auch um die besondere Atmosphäre Saarbrückens als kulturelle Grenzstadt und um die Frage, welche Gedanken das Publikum nach dem letzten Vorhang begleiten sollen.

Ihr Engagement am Saarländischen Staatstheater fällt in eine reife Phase Ihrer Karriere: Was bringen Sie heute als Künstler mit, das Sie vor zehn Jahren vielleicht noch nicht gehabt hätten?

Ich bringe heute nicht nur die vokale Technik mit, sondern auch eine gewachsene interpretatorische Reife. Vor zehn Jahren habe ich beim Singen noch sehr stark an die Technik gedacht. Heute bin ich wesentlich freier, wenn ich auf die Bühne gehe – ohne Angst, dass die Stimme nicht funktionieren könnte oder Angst vor hohen Tönen. Dadurch kann ich mich zu 100 % der Interpretation der Figur widmen. Die technische Sicherheit gibt mir die Freiheit, wirklich mich komplett in der Rolle zu fühlen und frei auf der Bühne zu sein.

 

Tosca ist ein häufig gespieltes Werk: Worin hat diese Saarbrücker Produktion Sie dazu gebracht, Cavaradossi anders zu lesen?

Cavaradossi war für mich ein Debüt, und die Produktion in Saarbrücken mein erster Zugang zu dieser Rolle. Der Regisseur war großartig darin, das zu respektieren, was Puccini für seine Figuren wollte: sehr klare Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Loyalität. Cavaradossi ist ein Mann, der klar zwischen seinem Künstlersein, seinem politischen Engagement und seiner Rolle als Liebender unterscheiden kann.

 

Wie sehr beeinflusst der Dialog mit der Regie und dem Bühnenraum Ihre Gestaltung des Cavaradossi, besonders in den intimen Momenten der Oper?

Das beeinflusst meine Gestaltung sehr. Die Regie hat ein starkes Gefühl der Verzweiflung vermittelt. Zum Beispiel die Schreie Cavaradossis, die von allen Gefangenen übernommen werden – dramaturgisch gibt das enorm viel Energie und verstärkt die emotionale Wirkung.

 

Wenn Sie auf Ihre stimmliche Entwicklung blicken: Reagiert Cavaradossi heute anders auf Ihre Stimme als frühere, rein lyrische Rollen?

Ja, denn die Partie wurde ursprünglich für einen „lirico amoroso“ geschrieben. Sie wurde später fast ausschließlich dramatischen Tenören anvertraut, obwohl Cavaradossi nicht nur dramatisch ist – seine Arien sind in Wirklichkeit sehr lyrisch.

Meine Stimme und meine Persönlichkeit reagieren sehr gut auf die dramatischen, wütenden und verzweifelten Momente. Anders als zum Beispiel bei Rigoletto muss ich mich hier nicht zurückhalten. Cavaradossi erlaubt mir, meine Stimme und meine Seele zu 100 % einzusetzen. Diese Rolle gibt mir ein wunderschönes Gefühl von Freiheit.

 

Puccini wird oft als „cinematografisch“ bezeichnet: Was verlangt seine Musik aus Sicht des Sängers mehr als andere Komponisten Ihres Repertoires?

Puccini verlangt deine ganze Seele. Bei ihm reicht es nicht, nur schön zu singen – wie etwa im Belcanto – und dadurch in die Figur zu finden. Puccini verlangt alles von dir. Nach den Vorstellungen bin ich nicht stimmlich, sondern emotional erschöpft, weil ich versuche, wirklich meine ganze Seele zu geben. Seine Musik holt die tiefsten und dramatischsten Emotionen aus dir heraus.

 

Vokal verlangt Puccini mehr Klangfülle und Projektion als lyrischere Partien. Einfach gesagt: Man muss die Stimme vollkommen öffnen und alles geben, besonders in den dramatischen Momenten, weil das Orchester sehr groß ist und kraftvoll spielt.

 

Saarbrücken ist eine Grenzstadt mit großer kultureller Offenheit: Spiegelt sich dieses Klima Ihrer Meinung nach auch in der täglichen Arbeit im Theater wider?

Die Qualität des Orchesters war beeindruckend, ebenso die Professionalität des Dirigenten. Ich habe mich wirklich sehr wohlgefühlt – mit allen Kollegen und mit allen, die am Theater arbeiten.

 

Verändert die Arbeit in einem internationalen Ensemble wie dem des Saarländischen Staatstheaters die Art, wie man einander auf der Bühne zuhört und Beziehungen aufbaut?

Sicherlich verändert das in gewisser Weise etwas. Aber ich muss sagen, dass ich mich immer gut mit meinen Kollegen verstehe – ob international oder nicht. Ich versuche, allen mit Respekt zu begegnen und jedem aufmerksam zuzuhören, auch den kleineren Rollen. Denn genau das macht am Ende den Unterschied.

 

Wenn Cavaradossi ein „Momentaufnahme-Porträt“ Ihrer Karriere wäre, was würde er heute über Ihre künstlerische Identität aussagen?

Für mich war diese Rolle eine sehr wichtige Prüfung. Sie hat mir gezeigt, dass meine interpretatorische Identität diesem Rollentyp sehr nahe ist. Cavaradossi ist eine Brücke in die Phase, in die ich mich jetzt entwickle.

 

Hat diese Erfahrung in Saarbrücken Ihr Interesse an Rollen oder stimmlichen Bereichen geweckt, die Sie bis vor Kurzem als ferner empfunden haben?

Absolut ja. Ich habe verstanden, dass dramatischere Rollen wie Cavaradossi meine Zukunft sind – und es bereits sind. Ich freue mich sehr darauf, diese Rollen immer weiter zu erkunden.

 

Wenn sich der Vorhang nach Tosca schließt, welche Frage möchten Sie dem Publikum idealerweise offen mitgeben? 

Mehr als eine Frage ist es eine Reflexion: wie glücklich wir uns schätzen können, heute in Europa zu leben – in einer Welt, in der man nicht mehr riskiert, für politische Ideale zu sterben.

 

Elisa Cutullè

 

Foto: Astrid Karger

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