Zeit zu gehen

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Vor einigen Wochen hat der Graf von Unheilig seinen Fans mitgeteilt dass es nach Gipfelstürmer, seinem Album das im Dezember erscheinen wird, keins mehr geben wird. Unheilig wird aufhören und 2016 sein allerletztes Konzert geben.

Der Graf möchte sich mehr seiner Familie widmen, ihnen die Unterstützung, die Liebe und die Zeit quasi zurückgeben.

Die Nachricht ging durch die Medien und viele Fans reagierten darauf: viele ungläubig dass er so etwas machen könnte, andere glaubten dagegen an eine Marketingmasche.

Mein erster Gedanke war, dass ihm alles zu viel wurde, dass er braucht Luft und die richtigen Prioritäten setzten wollte: die Familie.

Ich bin kein langjähriger Fan: habe ihn eigentlich erst 2012 musikalisch kennengelernt. Ich hatte dieses Lied „Geboren um zu Leben“ im Radio gehört und musste an ein paar Freunde denken die einfach zu früh gestorben war, die einfach so aus dem Leben gerissen wurde.

Als ich allerding den Grafen im Fernsehen sah, dachte ich dass der Typ doch etwas eingebildet sei sich so einen Namen zu geben. Aber die Neugier war entstanden und so versuchte ich über diesen Musiker fündig zu werden. Als mir eine Verwandte vorschlug sein Konzert zu besuchen nahm ich an. Die Karten waren nicht gerade billig und ich mag prinzipiell keine großen Menschenmassen, aber die Tatsache dass es ein Open Air Konzert war und ein schöner Sommerabend nahm ich an.

Ich konnte aber nicht „unvorbereitet“ auf das Konzert gehen uns so habe ich mir das damals aktuelle Album „Lichter der Stadt“ besorgt. Je mehr ich die CD hörte desto mehr mochte ich die Lieder.

Das Konzert, hingegen, war das pure Erlebnis. Alle möglichen Altersgruppen waren da und waren voll dabei am Singen und Spaß haben. Obwohl wir relativ hinten saßen war es kaum zu übersehen mit welcher Kraft, Energie und Professionalität der Graf über die Bühne sprang und sang. Da er an dem Abend noch Lieder aus seine früheren Alben sang, kaufte ich mir, am Tag nach dem Konzert auch viele dieser früheren Alben (alle die noch erhältlich waren).

Ich ging ins Konzert als jemand der seine Musik einfach angenehm fand und kam als eingefleischter Fan zurück. Ich wollte einfach mehr über seine Geschichte erfahren und so las seine Biographien und verfolgte seine Fernsehauftritte soweit es möglich war.

Es folgten noch andere Konzerte: manchmal direkt an der Bühne, manchmal Sitzplätze und, in Köln, beim Konzert von Licky, in einem kleinen Club in nicht mal einem Meter Entfernung.

Dort hatte ich auch die Möglichkeit ihn kennenzulernen und schnell ein Foto mit ihm zu machen. Ich wollte nicht zu viel von seiner Zeit in Anspruch nehmen obwohl ich danach relativ verärgert war dass ich ihn nicht einmal um ein Autogramm gebeten habe. Ich wollte ihn nicht stören.

Im Internet wurden die Kritiken seiner früheren Fans zu seiner neuen Musikrichtung immer härter: man schrieb er hätte sich verkauft, er würde nicht mehr er selbst sein.

Um ehrlich zu sein verstehe ich diese Leute nicht: wenn ihr jemanden nicht mehr mögt, warum weiter daran nörgeln und nicht einfach etwas anderes suchen, etwas was mehr einem entspricht.

Es ist menschlich sich zu verändern, neue Wege zu gehen und zu experimentieren: wenn man jemanden mag geht man oft den Weg zusammen oder, wenn dies nicht möglich ist, freut man sich für sie oder ihn.

Der Graft wollte sich verändern, wollte neue Sachen entdecken und neue Wege schreiten. Er wollte schon immer auf Deutsch singen (man braucht nur in seiner Autobiographie nachzulesen) und Lieder übertragen die ihm etwas bedeuteten.

Ich bewundere ihn: seine Kraft, seinen Willen sich neu zu erfinden, sich nicht kleinkriegen zu lassen und nicht zu verzweifeln wenn alles nicht so läuft wie es laufen soll. Ich bewundere die schönen, emotionalen und zuweilen auch provokativen, Lieder die er geschrieben hat, seine Ehrlichkeit und den Mut den er bewiesen hat um so einen Schritt zu unternehmen und einfach zurückzutreten.

 

 

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Lieber Graf,

vorgestern habe ich eine Nachricht weitergeleitet bekommen:

Das Leben ist wie eine Zugfahrt; mit all den Haltestellen, Umwegen und Unfällen. Wir steigen ein und da treffen wir auf unsere Eltern und denken uns, dass sie immer mit uns reisen werden, aber an irgendeiner Haltestelle werden sie aussteigen, und wir werden unsere Reise alleine fortsetzen.

Genauso werden andere Personen in den Zug steigen, unsere Geschwister, Freunde, Cousins, sogar die Liebe unseres Lebens. Viele werden aussteigen und eine große Leere im Abteil hinterlassen. Bei anderen werden wir gar nicht merken, dass sie ausgestiegen sind. Es ist eine Reise voller Freuden, Leid, Begrüßungen und Abschieden.

 

Der Erfolg besteht darin, eine gute Beziehung zu allen Passagieren zu haben.

Das große Rätsel für uns alle ist, dass wir nie wissen werden, an welcher Haltestelle wir aussteigen müssen, deshalb müssen wir leben, lieben, lachen, verzeihen und immer das Beste geben. Sodass, wenn der Moment gekommen ist und wir aussteigen müssen und unser Platz leer ist, nur schöne Gedanken

an uns bleiben, die für immer im Zug des Lebens weiter reisen werden!

Ich wünsche Dir, dass deine Reise dieses Jahr jeden Tag besser wird, dass Du immer Erfolg, viel Liebe, Gesundheit und Geld hast. Ah! Und vielen Dank an all Euch Passagiere des Zuges meines Lebens, dass Ihr mich auf der Fahrt begleitet…

 

Ich danke dir für den Teil deines Lebens den du in meinem Zug verbracht hast: danke für die schönen Lieder, die atemberaubende Konzerte, deine Freundlichkeit und die Tatsache dass du mir ein paar kostbare Sekunden deines Lebens geschenkt hast. Danke auch für die wunderbaren Leute die ich bei deinen Konzerten habe kennenlernen können.

Zu sagen dass ich dich nicht vermissen werde, wär gelogen: du bist ein Beispiel dafür dass es möglich ist seine Träume zu verwirklichen. Ich wünschte ich hätte auch so eine innere Kraft ;-).

 

Wir sind uns wahrscheinlich schon in Lübeck über den Weg gelaufen… aber deine CD habe ich nicht ergattern können da du in der Schule für Hörgeräteakustiker warst und ich im Buddenbrookhaus um meine Magisterarbeit über Erich Mühsam zu schreiben.

 

Und etwas was für immer bleiben wird: mein Name in den CD Booklet der Single Edition von „Where are you?“, deinem Lied zusammen mit Licky.

 

Alles Gute, lieber Graf und wie wir Fans es in den Konzerten immer gerne gesagt haben:

 

DANKESCHÖN!

 

 

Elisa Cutullè

 

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