Weltgeschichte auf dem Land“: Shida Bazyar im Gespräch über ihren Roman Die Lücken auf der Frankfurter Buchmesse

Shida Bazyar im Gespräch über ihren Roman Die Lücken auf der Frankfurter Buchmesse (c) Elisa Cutullè

Ein besonderer Höhepunkt des literarischen Programms der Frankfurter Buchmesse war das Bühnengespräch mit der Autorin Shida Bazyar. Mit ihrem aktuellen Roman Die Lücken (erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch / KiWi) wurde sie mit dem rennomierten Deutschen Buchpreis 2026 ausgezeichnet. Das Podiumsgespräch  auf dem FAZ Stand  moderiert von Jan Wiele bot tiefe Einblicke in die Entstehungsgeschichte, die erzählerischen Experimente und die historische Recherche hinter dem Werk.

Sozialgeschichte aus der Provinz

Der Roman führt das Publikum in den Hunsrück, genauer gesagt nach Hermeskeil — den Geburtsort der Autorin, den sie im Buch als fiktionales „Heimesbach“ literarisiert. Bazyar stellt sich damit bewusst gegen die gängige Erzähltradition, die historische Großereignisse und NS-Dramen fast ausschließlich in Metropolen wie Berlin verortet. Weltgeschichte, so die Kernaussage des Gesprächs, spielt sich auch im Ländlichen ab. Gerade Systeme wie der Nationalsozialismus konnten nur durch die Mitwirkung und das Schweigen einer breiten Masse in den Dörfern aufrechterhalten werden. Bazyar räumt dabei mit der Tendenz auf, ländliche oder katholisch geprägte Regionen rückwirkend zu verklären oder aus der Verantwortung auszuklammern.

Der Geist als Erzählperspektive

Eine zentrale Rolle im Gespräch nahm die außergewöhnliche Erzählform des Romans ein. Bazyar wählt kein klassisches allwissendes Ich, sondern lässt die Figur Lou als Geist sprechen. Als Kind kam Lou als Kriegsflüchtling nach Hermeskeil, musste nach Ende des Zweiten Weltkriegs das Dorf verlassen und wanderte in die USA aus. Sie kehrt nun als Verstorbene zurück, blickt punktuell auf das Geschehen und erzählt es im Dialog ihrer Schwester.

Diese Perspektive schützt den Text vor belehrender Besserwisserei aus dem Jahr 2026. Der Geist besitzt keinen moralischen Überlegenheitsvorsprung, sondern nimmt die Leser mit auf eine fragmentarische Rekonstruktion des historischen Puzzles.

Historische Fakten, Alltags-Antisemitismus und die Filmtradition

Ein weiterer Fokus lag auf der peniblen historischen Recherche: Die Autorin verweist auf ein umfangreiches Literaturverzeichnis im Anhang des Buches und die Auswertung lokaler Quellen und Zeitungsarchive aus den 1920er- und 1930er-Jahren. Sie dokumentiert, wie früh die NSDAP vor Ort Fuß fassen konnte und wie gefeiert wurde, als der Ort vergleichsweise früh als „judenfrei“ galt. Besonders eindringlich zeichnet Bazyar Figuren wie Lore, die keine Verbrecherin im Polizeibataillon ist, sondern eine beliebte, vernetzte Dorfbewohnerin, die den antisemitischen Diskurs schrittweise als Normalität übernimmt.

Angesprochen auf die filmische Tradition der Hunsrück-Heimatfilme von Edgar Reitz zeigte sich Bazyar dankbar für die erzählerische Nähe dieser Werke, betonte aber gleichzeitig die Notwendigkeit, das Schicksal der jüdischen Nachbarn konsequent in die deutsche Erinnerungskultur einzubinden.

Das Gespräch endete mit dem Blick auf den Epilog des Buches, der die Fiktion aufbricht und reale historische Zeugnisse einbindet — wie das Schicksal des in Hermeskeil geborenen Auschwitz-Überlebenden Heinz Kahn. Damit setzt Shida Bazyar mit Die Lücken ein eindringliches Zeichen für eine ehrliche, sozialgeschichtliche Erinnerungsarbeit.

Elisa Cutullè

 

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