Im Spannungsfeld von Identität und Wandel: Die 68. Nordischen Filmtage Lübeck

68. Nordische Filmtage Lübeck: Abschluss mit Filmpreisnacht am 07.11.2026
© Olaf Malzahn

 

 

Die 68. Ausgabe der Nordischen Filmtage Lübeck setzte in diesem Jahr ein starkes ästhetisches wie auch gesellschaftspolitisches Zeichen. Mit insgesamt elf verliehenen Preisen und einer Dotierung von 70.000 Euro unterstrich das Festival einmal mehr seine Rolle als wichtiges Publikumsfestival und kreativer Schmelztiegel der europäischen Filmbranche. Doch jenseits der Zahlen und Festreden offenbarte sich im Theater Lübeck ein zentraler narrativer Faden, der die preisgekrönten Werke dieses Jahrgangs wie ein roter Faden durchzieht: der Trait d’union von der Verschmelzung der Kulturen, der Auflösung starrer Grenzen und dem stetigen Aushandeln von Identität.

Die in Lübeck ausgezeichneten Arbeiten begreifen Kultur längst nicht mehr als ein statisches, abgegrenztes Gebilde. Stattdessen zeichnen die Filme ein Bild der Moderne, in dem Tradition und Gegenwart, lokale Entwurzelung und globale Zugehörigkeit, indigenes Erbe und urbane Realität ineinandergreifen. Dieser rote Faden zeigte sich in doppelter Hinsicht: Einerseits in den transkulturellen Produktionsstrukturen (Koproduktionen wie Dänemark/Färöer/Island oder Schweden/Norwegen/Island/Bulgarien), andererseits in den thematischen Tiefenschichten der Narrativen. Kulturverschmelzung ist hier kein harmonisches Klischee, sondern ein Reibungsfeld – ein dynamischer Prozess, in dem das Eigene im Spiegel des Fremden neu definiert werden muss.

Der Hauptpreis des Festivals, der mit 12.500 Euro dotierte NDR-Filmpreis, ging an das Spielfilmdrama No Rest for the Wicked / Eine Matrosengeschichte des dänischen Regisseurs Kasper Kalle. In seiner grenzüberschreitenden Produktion verwebt Kalle die Sehnsüchte und Verluste einer zeitgenössischen Beziehungsdynamik mit der Rauheit des maritimen Lebens. Die Jury beschrieb das Werk prägnant als leidenschaftliche Erzählung von „Romeo und Romeo“, in der verletzliche Liebe gegen äußere und innere Grenzen behauptet werden muss.

Einen besonderen Schwerpunkt bildete in diesem Jahr das indigene samische Kino, das nicht mehr am Rande verhandelt wird, sondern ins Zentrum des nordischen Filmdiskurses gerückt ist. Der Ehrenpreis des Festivals wurde an Anne Lajla Utsi, die Leiterin des International Sámi Film Institute, verliehen – eine Würdigung für Jahrzehnte institutioneller und künstlerischer Brückenbauen-Arbeit.

Diese Würdigung spiegelte sich direkt in den Wettbewerbsergebnissen wider: Regisseurin Amanda Kernell sicherte sich mit Brace Your Heart (Garrat du váimmu) sowohl den Publikumspreis als auch den Kirchlichen Filmpreis INTERFILM. Kernell, die bereits in früheren Arbeiten die Diskriminierungs- und Assimilationsgeschichte der Sámi eindringlich aufarbeitete, inszeniert erneut das Spannungsfeld zwischen den Ansprüchen der eigenen Gemeinschaft und den Zwängen einer mehrheitlich skandinavischen Gesellschaft. Auch Elle Sofe Sara erhielt für Árru den Baltischen Filmpreis für einen Nordischen Spielfilm. Beide Arbeiten demonstrieren, wie moderne samische Filmemacherinnen indigene Ästhetik mit universeller Kinosprache verbinden – eine Kulturverschmelzung, die Traditionen nicht konserviert, sondern lebendig fortschreibt.

Mit dem Preis des Freundeskreises für das beste Spielfilmdebüt wurde Mads Mengels dänische Regiearbeit The Guest (Gæsten) ausgezeichnet. Das Kammerspiel untersucht das Eindringen des Fremden in das Vertraute und hinterfragt subtil die Belastbarkeit bürgerlicher Gastfreundschaft und interkultureller Toleranz.

Dass der Kultur- und Identitätswandel auch eine ökologische und räumliche Dimension besitzt, bewies die Sektion des Dokumentar- und Kurzfilms. Der ver.di-Dokumentarfilmpreis ging an Håvard Bustnes’ Let Our Mountains Live (La fjella leve). Der schwedisch-norwegisch-finnische Kontext des Films legt die Wunden des Konflikts zwischen Ressourcenabbau, grüner Transformation und dem Erhalt indigener Lebensräume offen. Kultur erscheint hier als ein Gefüge, das untrennbar mit dem Land verwoben ist, auf dem gekämpft und gelebt wird.

Auf der Ebene des Formexperiments stach Niki Lindroth von Bahrs The End hervor (Bester Nordischer und Baltischer Kurzfilm). Mit bizarrem Humor und dystopischer Poesie inszeniert die schwedische Regisseurin die Endzeit menschlicher Zivilisation aus der Perspektive anthropomorpher Wesen – eine hybride Überblendung von Mensch und Natur, Tragödie und Satire. Den CineStar-Preis gewann Philipp Hartmanns Auf der Rückseite der Landschaft, eine filmische Spurensuche nach den verborgenen, unscheinbaren Rändern unserer geografischen und kulturellen Wahrnehmung.

Dass die nordisch-baltische Kinokultur auch im Bereich des Nachwuchs- und Jugendfilms wegweisend bleibt, zeigten die Entscheidungen in der Sektion „Young Audience“. Die Lübecker Jugendjury prämierte Ivan Pavljutškovs Morten, eine estnisch-litauische Koproduktion über das Aufwachsen in einer sich rasch wandelnden osteuropäischen Gesellschaft zwischen altem Erbe und neuer europäischer Realität. Der Kinder- und Jugendfilmpreis der Sparkassenstiftung ging an Cecilia Verheydens Skiff, während die Kinderjury Silje Evensmo Jacobsens The Mystery Package ehrte.

Nach sechs Tagen, 186 Filmen und 243 Veranstaltungen unterstrich der Abschied von Geschäftsführerin Susanne Kasimir nach sieben erfolgreichen Jahren den emotionalen Rahmen der Preisgala im Theater Lübeck. Die 68. Nordischen Filmtage bewiesen eindrücklich, dass das Kino des europäischen Nordens und Nordostens seine Stärke nicht mehr aus der Beschwörung einer isolierten regionalen Identität zieht.

Der eigentliche Trait d’union der Lübecker Jahrgangsauslese liegt in der Erkenntnis, dass Kultur kein fester Zustand ist, sondern eine kontinuierliche Übersetzung. Ob in den Weiten Lapplands, den Fjorden Norwegens oder den städtischen Zentren des Baltikums: Die Filme dieses Jahrgangs zeigen Menschen auf der Suche nach Verortung in einer hybriden, grenzenlosen Welt. Das Kinospektakel an der Trave bleibt somit einer der wichtigsten Orte, an denen Europa sein kulturelles Selbstverständnis immer wieder neu befragen und zusammendenken darf.

 

Elisa Cutullè

 

 

 

 

Foto: 68. Nordische Filmtage Lübeck: Abschluss mit Filmpreisnacht am 07.11.2026 © Olaf Malzahn

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