Zwischen Stahlwerk und Madonnen – Pola Kapuste zeichnet ein ungeschminktes Porträt Tarantos

Pola Kapuste

Beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2026 im Januar sorgt der Kurzfilm „Madonnas“ für grosses Interesse. Regisseurin Pola Kapuste nimmt uns mit in den Süden Italiens, nach Taranto – eine Stadt, die so widersprüchlich ist wie ihre Bewohner. Der Film ist ein hybrides Werk, das die Grenze zwischen Fiktion und Dokumentation verwischt und dabei eine bedrückende Coming-of-Age-Geschichte erzählt.

Pola Kapuste ist eine vielseitige Künstlerin, die für ihre feinfühligen Beobachtungen bekannt ist. Auf ihrer Plattform polakapuste.de wird deutlich, dass sie oft an der Schnittstelle von Realität und Inszenierung arbeitet. „Madonnas“ entstand während einer Residency in Süditalien, wo sie die Menschen vor Ort in ihre fiktive Geschichte integrierte.

„Madonnas“ zeigt die Welt aus der Sicht einer 13-Jährigen. Der Titel spielt auf die Zerreißprobe zwischen religiöser Tradition und Popkultur (Madonna als Ikone) an. Während das Mädchen versucht, ihre Identität zu finden, lastet das riesige Stahlwerk ILVA wie ein Schatten über der Stadt und der Gesundheit der Familie.

 

Wie kam es zur speziellen Kameraperspektive, die fast wie ein privates Videotagebuch wirkt?

Pola Kapuste: Die Entscheidung war aus der Not geboren. Die junge Hauptdarstellerin hatte als Teenager kaum Zeit für den Dreh. Also entschied ich, aus ihrer Perspektive zu filmen – ich wurde zur Kamerafrau, die das Mädchen verkörpert.

Taranto wird im Film sehr spezifisch beschrieben. Was sagen die Bewohner selbst?

Pola Kapuste: Die 13-Jährige im Film beschreibt ihre Heimat poetisch-bitter: Es sei der sauberste Ort des Stiefels, weil er zwischen Ferse und Absatz liege und so nie mit dem Dreck der Welt in Berührung komme. Doch hinter dieser Fassade herrscht Sprachlosigkeit. Die Mutter ist eine strenge Kirchgängerin, die laut der Tochter ihr Lächeln an der Kirchentür abgibt und erst beim Verlassen wieder aufsetzt. Das Mädchen fragt sich verzweifelt, warum man ihr die Wahrheit über die Krankheit durch das Stahlwerk verschweigt – angeblich, um sie zu beschützen, doch sie sieht darin nur eine Zukunftslosigkeit.

 

Elisa Cutullè

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