„Ein haptischer Erinnerungsraum“ – Alice Prosser und das Team im Gespräch über Bleistiftstriche

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Nach einerVorführung beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2026 sprachen Regisseurin Alice Prosser und Hauptdarstellerin Esther Gaspart über die Entstehung ihres Films. Ein Gespräch über die Sehnsucht nach dem Sommer, analoge Texturen und die Kunst, das Unaussprechliche sichtbar zu machen.

Emilia Warenski hat zudem den Max Ophüls Preis- Bester Schauspielnachwuchs bekommen. Die Jury würdigte die subtile Darstellung eines inneren Wandlungsprozesses, der sich bereits vor der erzählten Handlung im Gesicht der Figur abzeichnet. Mit minimalen Gesten, kaum wahrnehmbaren körperlichen Veränderungen und großer Präsenz wird spürbar, wie eine Sehnsucht nach Veränderung, Liebe und einem anderen Leben entsteht. Die Entwicklung verläuft in präzisen, organischen Schritten und wirkt dabei stets verletzlich und authentisch. Diese außergewöhnliche Sensibilität – eine Balance aus Zurückhaltung und emotionaler Offenheit – macht die Gefühlswelt der Figur unmittelbar erfahrbar und ist der eindringlichen Leistung der Schauspielerin zu verdanken, der es gelingt, innere Prozesse sichtbar zu machen.

Nun zu den Fragen die während des Filmgesprächs aufkamen.

Der Film wirkt sehr atmosphärisch, fast wie eine haptische Erinnerung. Wie haben Sie es geschafft, dieses spezifische Gefühl von Sommerferien und Hitze zu erzeugen?

Alice Prosser: Das war ein sehr bewusster Prozess. Ich hatte schon beim Schreiben des Drehbuchs sehr klare farbliche Visionen. Gemeinsam mit meinem Team, vor allem Jakob und Julia, haben wir lange über die Einstellungen gesprochen. Uns war wichtig, dass die Farben der Kleidung sich im Bild widerspiegeln. Luca, unser Colorist, hat dann vorgeschlagen, einen analogen, verwaschenen Look zu wählen. Wir wollten diesen „haptischen Erinnerungsraum“ schaffen, in dem man die Hitze förmlich spüren kann.

Es gibt im Film viele Zeichnungen und Fragmente zu sehen. Welche Rolle spielt diese visuelle Ebene für die Hauptfigur?

Alice Prosser: Die „Bleistiftstriche“ sind ihr Weg, sich dem Leben und ihrem Verständnis von Menschen anzunähern. Es ist ein Prozess des Suchens: Man setzt einen Strich, lässt sich inspirieren und schaut, wohin er führt, ohne das Ziel vorher genau zu kennen. Es geht um das Unfertige, das sich erst nach und nach zusammensetzt.

Auch die Musik trägt stark zu dieser nostalgischen Stimmung bei. Wie sind Sie bei der Auswahl vorgegangen?

Alice Prosser: Ich bin ein großer Fan von The Residentals und auch Fred’s House finde ich toll. Die Musik, besonders in Verbindung mit den Unterwasserwelten, sollte eine zusätzliche Gedankenebene eröffnen. Es geht darum, das Innenleben der Figuren zu zeigen, wo Realität und Fantasie ein bisschen miteinander verschwimmen.

Esther, du spielst eine Figur, die oft keine Worte findet. Wie hast du diese Sprachlosigkeit in deine Mimik und Gestik übersetzt?

Esther Gaspart: Es gab zum Beispiel diese Szene auf der Terrasse, in der ich Blätter abreiße. Jeder kennt dieses Spiel, es gibt tausend Geschichten darüber. In diesem Moment habe ich verstanden, was das Problem meiner Figur ist: Sie findet keine Wörter für das, was in ihr vorgeht. Sie trägt ein ganzes Leben, ein Leid in sich, das einfach nicht aussagbar ist.

Der Film beginnt mit einem Zitat über die Wirkung von Menschen aufeinander. Was bedeutet dieser Gedanke für die Geschichte?

Alice Prosser: Wir leben in einer sehr individualistischen Gesellschaft, aber wir vergessen oft, dass wir immer eine Verantwortung für andere haben. Wir wirken auf unser Gegenüber, auch wenn wir uns dessen gar nicht bewusst sind.

Esther Gaspart: Man findet oft erst durch den anderen zu sich selbst. In einer Beziehung integriert man Dinge vom anderen in das eigene Ich. Das macht eine Trennung oft so schwierig, weil man diese Teile erst wieder mühsam von sich lösen muss. Man muss lernen, was man mitnimmt und wie man sich nicht in der anderen Person verliert oder sich selbst aufgibt.

Viele Zuschauer fühlen sich beim Sehen an bestimmte Klassiker des Kinos erinnert. War das beabsichtigt?

Alice Prosser: Beim Schreiben habe ich nicht bewusst an andere Filme gedacht. Aber natürlich gibt es Filme, die mich berührt haben und die man dann vielleicht unterbewusst spürt – wie eine Welle, die mitschwingt. Filme erzählen am Ende immer auch Geschichten über andere Filme, und diese Relationen herzustellen, ist etwas Schönes.

 

Elisa Cutullè

 

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