Wo Liebe gefährlich wird – Tosca als Machttragödie

Dieses Foto zeigt eine dramatische Szene aus einer Operninszenierung, bei der Leah Gordon als Tosca und Benedict Nelson als Scarpia zu sehen sind. Die Aufnahme fängt einen Moment voller Spannung und düsterer Atmosphäre ein.

Bildaufbau und Szenerie
Das Bild ist geprägt von einem starken Kontrast zwischen tiefschwarzen Schatten und intensivem, rotem Licht.

Im Zentrum: Eine Frau (Tosca) steht in einem langen, schimmernden goldgelben Kleid auf der Bühne. Ihr Blick ist nach unten gerichtet, ihr Gesichtsausdruck wirkt gequält oder entsetzt.

Im Vordergrund: Ein Mann (Scarpia) liegt leblos auf dem glänzenden Boden. Er trägt ein weißes Unterhemd; die Szene deutet auf ein gewaltsames Ende hin.

Hintergrund: Ein minimalistisches Bühnenbild. Eine vertikale und eine horizontale Linie aus gleißendem rotem Licht schneiden den schwarzen Raum und bilden eine Art Rahmen oder ein symbolisches Kreuz. Rechts ist ein einfaches, weißes Metallbett mit zerwühlten Laken zu erkennen.

Atmosphäre und Lichtgestaltung
Die Lichtführung ist hochexpressiv:

Das rote Licht dominiert die Szene und spiegelt sich auf dem spiegelglatten Boden wider, was an Blut oder Leidenschaft erinnert.

Die Schatten sind hart und verschlucken weite Teile der Bühne, wodurch der Fokus isoliert auf den beiden Figuren und dem Bett liegt.

Die Inszenierung scheint eine moderne, minimalistische Interpretation des klassischen Stoffes zu sein, die stark auf psychologische Wirkung und visuelle Symbolik setzt.Saarländisches Staatstheater
„Tosca“  Giacomo Puccini    HP1 2.10.25

Floria Tosca: Leah Gordon
Mario Cavaradossi: Oreste Cosimo
Baron Scarpia: Benedict Nelson
Cesare Angelotti: Hiroshi Matsui
Mesner: Joachim G. Maaß
Spoletta: Benjamin Lee
Sciarrone:Yancheng Chen
Ein Hirtenknabe: Filippo Caso

Dirigent: Justus Thorau

 

Diese „Tosca“-Inszenierung am Saarländischen Staatstheater entfaltet von Beginn an eine suggestive, beinahe hypnotische Kraft. Bereits die Anfangsszene setzt ein starkes Bild: die Frau am Kreuz – zugleich Opfer, Ikone und Projektionsfläche – etabliert ein Leitmotiv, das sich im Verlauf des Abends mehrfach variiert und wiederholt. Dieses Bild ist kein bloßer Effekt, sondern öffnet einen Deutungsraum, in dem sich religiöse Macht, politische Gewalt und persönliche Auslieferung überlagern – Themen, die Puccinis Musikdrama von Grund auf durchziehen.

Puccinis „Tosca“, 1900 uraufgeführt, ist ein Werk extremer Zuspitzungen: Liebe, Macht und Gewalt stehen nicht nebeneinander, sondern greifen brutal ineinander. Die Inszenierung nimmt diesen Charakter ernst und verzichtet auf historisierende Behaglichkeit. Stattdessen schärft sie den Blick auf die Mechanismen eines repressiven Systems, dem selbst private Gefühle nicht entkommen.

Noch bevor Tosca erscheint, wird das Publikum selbst in dieses System hineingezogen. Angelotti, eindringlich und von stiller Intensität geprägt gespielt von Hiroshi Matsui, sucht seinen Schutz nicht allein im Bühnenraum, sondern im Zuschauerraum. Das Parkett wird so früh als Ort des Verbergens, der Angst und der prekären Hoffnung markiert. Wenn Tosca später ihren Blumenstrauß an eine Person aus dem Publikum übergibt, erhält dieser Raum eine doppelte Bedeutung: Er wird zum Schauplatz von Nähe – und zugleich zur potenziellen Gefahrenzone.

Das Bühnenbild arbeitet mit mehreren Ebenen, die sowohl vertikal als auch horizontal gegeneinander verschoben sind. Diese räumliche Staffelung macht Machtverhältnisse sichtbar, ohne sie zu illustrieren: Figuren beobachten, kontrollieren oder entziehen sich einander aus unterschiedlichen Positionen. Die Architektur wirkt offen und zugleich beklemmend, nie als realistischer Ort, sondern als struktureller Raum von Kontrolle und Ausgesetztheit.

Eine zentrale Rolle spielen die Videoprojektionen, insbesondere die immer wieder präsenten Augen. Sie fungieren als Zeichen permanenter Beobachtung, verweisen auf das allgegenwärtige System Scarpias und zugleich auf das innere Sehen der Figuren – auf Schuld, Angst und unausweichliche Entscheidung. Die Videoebene fügt sich organisch in die Inszenierung ein und verstärkt deren psychologische Tiefenschärfe.

Die Kostüme unterstreichen diesen Ansatz. Sie vermeiden jede folkloristische Verortung und setzen stattdessen auf klare, prägnante Silhouetten, die Macht, Unterwerfung und Individualität sichtbar machen. Toscas Erscheinung changiert dabei zwischen öffentlicher Rolle und privater Verletzlichkeit, während Scarpias Macht sich nicht durch Prunk, sondern durch Kälte und Kontrolle ausdrückt.

Das Licht strukturiert den Raum präzise und dramaturgisch wirksam. Scharfe Kontraste, Verdunkelungen und gezielte Akzentuierungen lenken den Blick und verdichten die Atmosphäre von Bedrohung und innerer Spannung. Licht wird so zum aktiven Erzählelement, das emotionale Zustände sichtbar macht.

Musikalisch wird Puccinis Partitur mit klarem Gespür für deren dramatische Struktur gestaltet. Die Musik entfaltet ihre Wirkung weniger als bloßer Klangrausch denn als präzise psychologische Kommentierung der Handlung: lyrische Passagen stehen neben abrupten, schneidenden Momenten, Hoffnung kollidiert immer wieder mit Gewalt.

Leah Gordon gestaltet Tosca mit großer emotionaler Spannweite: verletzlich, impulsiv, stolz – und letztlich erschütternd klar in ihrer Entscheidung. Ihr Spiel bleibt frei von Opernklischees und überzeugt durch psychologische Genauigkeit.

Eine geradezu magnetische Bühnenpräsenz entfaltet Cavaradossi, gespielt vom koreanischen Sänger Jihoon Park. Sein Auftritt bündelt Energie, Sinnlichkeit und Widerstand; stimmlich verbindet er lyrische Wärme mit entschlossener Kraft. Sein Cavaradossi ist kein bloß Liebender, sondern ein politisch denkender Mensch, dessen Haltung ihn ebenso angreifbar wie charismatisch macht.

Insgesamt gelingt dieser „Tosca“ eine überzeugende Balance zwischen musikalischer Intensität und gedanklicher Schärfe. Die Inszenierung vertraut auf starke Bilder, eine klare ästhetische Handschrift und die Kraft des Werks selbst. Sie stellt Puccinis Musikdrama als zeitloses Stück über Macht, Gewalt und den Preis individueller Freiheit vor Augen – eindringlich, konzentriert und nachhaltig wirkend.

Elisa Cutullè

Foto: ©Astrid Karger

Categorized: Eventi

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